Seit dem Inkrafttreten der TA Siedlungsabfall im Jahre 1993 wird gefordert, daß Abfälle, die auf Deponien abgelagert werden sollen, die Zuordnungskriterien des Anhangs B einhalten müssen.
Ausnahmen sollten für Hausmüll u.ä. Abfälle gem. TASi Nr. 12 bis 1. Juni 2005 nur dann zugelassen werden, wenn absehbar ist, daß der Abfall aus Gründen mangelnder Behandlungskapazität die Zuordnungskriterien nicht erfüllen kann.
Eine offenbar unglückliche Formulierung, denn es wurden viele Ausnahmen zugelassen. Viele der zuständigen öffentlich rechtlichen Entsorgungsträger dachten gar nicht daran, ausreichende Vorbehandlungskapazitäten zu schaffen, also war absehbar, daß die Zuordnungskriterien nicht erfüllt werden konnten, und deshalb war auch die Zulassung von Ausnahmen zulässig.
Die Folgen sind erheblich. Zwei aktuelle Veröffentlichungen machen das Problem deutlich:
In 2. ist das Defizit an Vorbehandlungskapazitäten tabellarisch zusammengestellt. Das Ergebnis ist, wenn es stimmt, erschreckend.
| Prognose Restabfall- aufkommen 2005 | voraus- sichtliche MVA- Kapazität |
voraus- sichtliche MBA- Kapazität |
Defizit (-)/ Überschuss (+) an Vorbehand- lungs -kapazitäten |
Defizit bezogen auf Prognose Restabfall- aufkommen 2005 |
|
|---|---|---|---|---|---|
| t | t/a | t/a | t/a | % | |
| Baden- Württemberg |
1.891.000 | 1.405.000 | 250.000 | - 236.000 | 12 |
| Bayern | 2.553.000 | 3.094.000 | 140.000 | + 681.000 | - |
| Berlin | 1.227.000 | 520.000 | 0 | - 707.000 | 58 |
| Brandenburg | 1.026.000 | 0 | 155.000 | -871.000 | 85 |
| Bremen | 285.000 | 690.000 | 0 | + 405.000 | - |
| Hamburg | 731.000 | 820.000 | 0 | + 89.000 | - |
| Hessen | 1.766.000 | 995.000 | 160.000 | -611.000 | 35 |
| Mecklenburg-Vorpommern | 660.000 | 215.000 | 50.000 | - 395.000 | 60 |
| Niedersachsen | 2.253.000 | 730.000 | 800.000 | - 723.000 | 32 |
| Nordrhein -Westfalen |
5.894.000 | 5.270.000 | 440.000 | -184.000 | 3 |
| Rheinland -Pfalz |
941.000 | 495.000 | 260.000 | -186.000 | 20 |
| Saarland | 338.000 | 330.000 | 0 | - 8.000 | 2 |
| Sachsen | 1.468.000 | 365.000 | 100.000 | - 1.003.000 |
68 |
| Sachsen -Anhalt |
1.076.000 | 600.000 | 0 | - 476.000 | 44 |
| Schleswig -Holstein |
849.000 | 666.000 | 100.000 | - 83.000 | 10 |
| Thüringen | 868.000 | 120.000 | 115.000 | - 633.000 | 73 |
| Gesamt | 23.826.000 | 16.315.000 | 2.570.000 | -4.941.000 | 21 |
Quelle: Prognos AG, 2000, verändert durch: Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen: Umweltgutachten 2002, S. 425
Vorbehandlungskapazitäten für Restabfälle in Deutschland im Jahr 2005
Tabelle 2: aus: Karl J. Thomé-Kozmiensky "Verantwortung in der Abfallwirtschaft", in: Optimierungspotential der Abfallverbrennung, Karl J. Thomé-Kozmiensky (Hrsg.), TK Verlag Karl Thomé-Kozmiensky, ISBN 3-935317-13-1
In /1/ sind viele detaillierte Zahlen zusammengestellt, um das Problem der fehlenden Vorbehandlungskapazitäten aufzuzeigen und die Gründe zu diskutieren. Hier soll nur ein Auszug aus dem Gesamtfazit zitiert werden, um das Interesse an der Veröffentlichung zu wecken.
"Aus individueller Sicht von Politikern und Entsorgern bleibt fest zu halten:
Aus der abfallpolitischen Vogelperspektive ergibt sich aus der Bewertung der Situation und aus der Erwartung der weiteren Entwicklung in der Tat nichts Erfreuliches:
Konsequenz:
Dieser Zustand sollte mit der AbfAblV und der DepV zumindest in Deutschland gerade beendet werden!
Der Umweltschutz ist der große Verlierer. Die Deponierung - eine Technologie des vorigen Jahrhunderts - bleibt „am Netz", die Entwicklung fortschrittlicher Technologien wird gebremst. Eine nachhaltige Abfallpolitik ist - in Deutschland wie in Europa - weiter nur langfristig in Sicht. Daran haben alle zentralen Akteure der Abfallwirtschaft gleichermaßen mitgewirkt.
Wir sind - so zeigt es sich erneut - in Deutschland offenbar nicht in der Lage, für richtig gehaltene und klar beschlossene gesetzliche Maßnahmen auch tatsächlich um- und durchzusetzen. Zudem wird für einen nicht unerheblichen Teil der bundesdeutschen Abfallmenge die organisierte Unverantwortung durchaus offensichtlich.
Deutschland wird vor diesem Hintergrund spätestens ab dem Jahr 2005 - zumindest in der internationalen Abfallpolitik - eine Vorbildfunktion nicht mehr reklamieren können.
Klaus Stief, Berlin, den 15. März 2002